Rachel Kushner: Flammenwerfer

Rachel Kushner: Flammenwerfer

Rowohlt, 556 Seiten

Wie kann ich ein Buch grandios zu Beginn finden und dann irgendwann nur noch lang, ja mindestens 200-300 Seiten zu lang? Und das, wo es von sehr unterschiedlichen Rezensenten und Autorenkollegen wie Jonathan Franzen oder Colum McCann gefeiert wurde, 2013 Finalist für den National Book Award in den USA war und von der NY Times zu einem der besten 10 Romane des Jahres erklärt wurde?

Der Einstieg, ja die ersten 200 Seiten dieses, ja, was?, Künstlerromans, dieses Doppel-Zeit-Portrait, dieser Collage aus zeitlich und örtlich verstreuten Ereignissen mit einer Hauptfigur, die aber nicht immer da ist, der ist ganz toll: Eine junge Frau, Reno, jagt auf einem italienischen Motorrad durch den Westen der USA, auf dem Weg nach Bonneville zum Salzseerennen. Dann ein Rückblick nach Alexandria zu Beginn des 20 Jahrhunderts – ohne dass man eine Idee hat, wo der Zusammenhang ist. Es aber wissen will. Sehr fließend, sehr dicht und klar geschrieben, treibend, wie der Motor der besagten Maschine. Weitere Zeitsprünge vor und zurück, ihre Ankunft in New York, die ersten Kontakte mit der Künstlerszene, ein paar Parties, und wieder nach vorn: das Salzsee Rennen und ein Unfall. Und dann…

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Emma Cline: The Girls

Emma Cline: The Girls

Roman Hanser 346 Seiten

Ein Debüt, für das so mancher Autor weiß Gott wen umbringen würde. Um Mord übelster Art und jugendliche Irrungen und Fantasien geht es dann auch im Buch. Californien 1969, barbusige Hippimädchen, aber mit kalten Augen und einer Mission, die in einem Schlachtfest endet. Literarisiert finden wir hier die Geschichte der Manson Family erzählt, oder Teilen dieser düsteren Seite des Summer of Love. Großartig, sprachlich „crisp&fresh“ und so verdammt klug, dass man es mit der Angst bekommt.

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Richard Ford: Unabhängigkeitstag

Richard Ford: Unabhängigkeitstag

Berlin Verlag, 589 Seiten

Das hier ist die Mitte der Bascombe Trilogie (vier Bücher sind es mit dem überraschenden Post-Scirptum: Let me be Frank with you). Sicher schon drei mal gelesen, aber das allererste mal war, als ich selbst in USA lebte und Richard Ford für Independence Day gerade den Pulizter Preis gewonnen hatte. Als Student mit 26 las es sich (bestimmt, kann mich kaum erinnern) ganz anders, als heute mit 45, wo ich ungefähr so alt bin, wie der Frank im Buch. Ob ich damals den Tiefgang, die Melancholie, das hilflose Suchen von Frank nach Nähe zu seinen Kindern, zu seiner Ex, seiner Freundin und zu sich selbst packen konnte? Sich einen Reim auf all das machen, was passiert ist und wohl noch kommt. Für solche Zugänge muss man wohl älter werden. Und dann ist das Buch im Büchersack, den ich beim Umzug zurück nach Europa packte und verschickte, verloren gegangen. Vielleicht auch ein Zeichen.

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Christian Kracht: Die Toten

Christian Kracht: Die Toten

Kiepenheuer & Witsch, 212 Seiten

Das schleimige Rangewanze in einem Interview, das Denis Scheck, den ich sonst in Sachen Leserei sehr gut finde, hätte mich fast vom Kauf abgehalten. Und dann steht noch auf dem Buchrücken dieser Hohlsatz von ihm, dass das Buch vom Preis handle, „um den das Neue in die Welt kommt“. Ach je. Trotzdem gekauft. Und dann über die ersten Seiten gestaunt, die Ausgestelltheit und Gespreiztheit der Sprache – bis Kracht es im weiteren selbst erklärt. Irgendwann ist man drin in dieser Geschichte vom schweizer Regisseur Naegli, einem japanischen, tja, Verräter und Sprachgenie und einer blonden Deutschen – dazu Chaplin, Rühmann und ein paar Figuren der deutschen Geschichte. Deutschland, Europa und Asien kurz vor dem Fall in den Krieg und die Filmwelt kurz vor Ton- und Farbfilm Revolution. Und der Tod und die Liebe dürfen auch nicht fehlen, obwohl es vordergründig um ein Horrorfilmprojekt in Japan geht. Aber auch um die Kunst überhaupt. Und das Leben. Und Sterben. Und das Kurzdavor.

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Paul Harding: Verlust

Verlust von Paul Harding
Verlust von Paul Harding

Luchterhand 272 Seiten

Manches kann man sich nicht vorstellen. Manches mag man sich nicht vorstellen. Man soll hier bedeuten: Ich als Vater. Oder Väter. Eltern. Zum Beispiel den Tod des eigenen Kindes. Da kommt eine natürliche Ordnung durcheinander wie im Krieg, wenn die Jungen vor den Alten sterben, wenn Eltern ihre Kinder beerdigen müssen und die Zukunft plötzlich keine mehr ist. So geht es Charlie aus einer Kleinstadt in den USA, der seine Tochter bei einem Unfall verliert, nur ein paar Tage später auch seine Frau, die ihn verlässt und dann die Kontrolle über sein ganzes Leben, weil der Schmerz so tief, die Trauer so groß, die Gründe weiterzuleben so verschwindend sind.

Charlie schildert seinen Sinkflug in Drogen, Alkohol, Verwahrlosung seltsam hellsichtig, unterbrochen von Erinnerungen an seine Tochter, an die Alltäglichkeiten einer Liebe, eines Lebens, die erst dann Bedeutung bekommen, wenn es kein „Mehr“ gibt, wenn keine weiteren Erinnerungen und Erlebnisse und Gemeinsamkeiten mehr gesammelte werden können, weil die Tochter tot ist, von einem Auto überfahren auf dem Heimweg vom Schwimmen. Dann erst bekommt das Vergangene Bedeutung, laden sich Momente symbolisch auf, dann erst erkennt man in jeder Erinnerung an das eigene Kind, an das Leben, das man so einfach führte, schon den drohenden Tod. Wir leben nur so lang in der Gegenwart, wie wir eine Zukunft haben. Die hat Charlie verloren.

In einer sehr schönen, schweren, manchmal poetischen Sprache begleiten wir ihn durch seine Trauer, seine Gedanken, seinen Schmerz – nur ein Mann und der Verlust. Mehr passiert nicht. Aber durch die Sprache und die Bedeutsamkeit, die nun alles hat, ist VERLUST kein spannendes Buch im thrillersinnn, aber ein Buch, das einen packt. Tief drin. Einzig die zwei, drei Passagen, in denen Träume oder Wahnvorstellungen vom Erzähler Besitz nehmen, in denen er nicht nur seinen Körper endgültig zerstört zu haben scheint, sondern auch seinen Verstand, diese Szenen waren etwas too much. Ansonsten aber eine Geschichte, die einen nah heranführt an dieses Schwarze Loch, zu dem das eigene Leben wird, wenn man sein Kind verliert.