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Gelesen Roman

Juli Zeh: Über Menschen

Dora hat mitten in Corona ein Haus auf’m Dorf in Brandenburg gekauft. Weil ihre Beziehung am Ende ist. Und sie als Senior Copywriter / Texterin offenbar spürt, ihre Seele zu verkaufen – auch wenn sie für eine Agentur arbeitet, die total woke und korrekt Firmen mit Nachhaltigkeits- und Weltrettungskonzept berät. Und sich wenn es darauf ankommt, trotzdem verhält wie alle.

Also Flucht in eine Brandenburger Halb-Ruine mit viel zu großem Garten. Die Bewohnerin ohne blassen Schimmer von Gartenpflege oder Anbau und Handwerk. Nebenan wohnt der selbsternannte Dorfnazi. Er wirkt wie der „einzige Schwule des Dorfs“ aus der Little Britain TV Satire: Ihm gefällt die Rolle des Außenseiters. Statt Hure mit goldenem Herz, ist Gote der Nazi mit dem Herz am rechten Fleck. Das ist ein Klischee. Aber mit Ungereimtheiten. Zeh bricht im Roman so einige Brandenburg Klischees auf und füllt sie mit menschlichen Widersprüchen und Liebenswürdigkeiten und zeigt beschädigte Typen, die irgendwie „echt“ sind.

Die Botschaft: Ihr Hauptstadt/Großstadtheinis meint vielleicht, Euer Leben sei wichtiger, spannender. Ist vielleicht so, kommt auf den Vergeich an. Aber „echter“ ist es nicht, meint Zeh. Im Gegenteil. Ob die Dorfgemeinschaft, die die Neue erst in Ruhe lässt, auch wenn sie alles über sie weiß – und sie dann aufnimmt, weil sie „eine von ihnen geworden“ ist, ob die nicht auch wieder ein Klischee ist? Ja und nein.
Einzig die Prenzlauer Berg Wohlstandsblase, der die Hauptfigur Dora entkam, wird so verkrampft, wichtigtuerisch, selbstbezogen und weltfremd beschrieben, wie man sie immer gezeigt bekommt. Keine Facetten, keine Widersprüche. Alles glatt. Ihr Exfreund, der erst Klimaschutzextremist, dann Coronaexperte und Lockdownfanboy wird, aber natürlich damit gutes Geld verdient, ist das Abziehbild eines gebildeten Arschlochs, aber auch ein unerträglicher Lappen.

Ein Kammerspiel mit im Grunde drei Haupt- und drei Nebenfiguren, alles in dem kleinen Ort und dem örtlichen Einkaufscenter. Toll zu lesen, man schwebt durch die Sommerstimmung des Ortes und nimmt teil an der Verwandlung eines Berliner Großstadtbubble-Menschen im Brandenburger „Echtleben“. Bei den eingestreuten politischen Analysen bzw. dem Milieubashing hört man etwas zu sehr die Autorin – aber das stört kaum. Und das Ende ist richtig traurig. Das ganze Guch aber unterhaltsam, zeitgeistig, ohne unsere Zeit restlos erklären zu wollen. Z.B. Dorfdeppen und Stadtdeppen, Nazis und Halbnazis, egomanische Chefärzte, stümpernde Väter, Mütter, Coronapolitik. Dieser Blick von der Provinz auf die Stadt – und nicht andersherum – wirkt so treffend wie bitter. Aber es bleibt nur ein Blick auf unsere Gegenwart – aber ein klarer.