Lisa Halliday: Asymmetrie

Lisa Halliday: Asymmetrie

Roman Hanser, 315 Seiten, 2018

Empfehlung – man glaubt es kaum, aus dem Internet. Von einem Vielleser. Und ja, sehr eigenwilliges Buch. Als ich es dann bekam, hatte ich vergessen, worum es ging und begann zu lesen. Weltbekannter Schriftsteller, Ezra Blazer, und junge Verlagsangestellte Alice begegnen sich, er will sie, sie willigt ein, es wird eine geheime Affäre. Es geht in den Gesprächen und Gemeinsamkeiten um Ticks und Krankheiten, um spezielle Marmeladen oder Smoothies, natürlich um Bücher (aber eher selten), um bestimmte Hemden und Socken, Sex und Alkohol, Krankheiten, nötige Operationen und Baseball.

Das Leben der beiden findet in Blazers Apartment mit Blick auf den Central Park und die ganze Stadt oder einem großzügigen Haus auf dem Land statt, wohin er sich zum Schreiben im Sommer zurückzieht. Wenn er weg ist, scheint Alice verloren. Wenn er da ist, irgendwann unsicher, wohin das führt, und was sie davon hat. Er mag sie, sie mag ihn, zwei kluge Menschen sehr unterschiedlicher Generationen, Erfahrungen und an den beiden Enden der (beruflichen) Parabel.
Das ist witzig, klug, hellsichtig geschrieben, der Blick auf den Überfluss, der sich im Kleinklein bestimmter Qualitäten von Produkten zeigt, die Lust auf Texte und den großen Unterschied zwischen Leben und Text – vor allem den eigenen und das eigene. Beide sind sich des Klischees bewusst, dass sie da leben. Beide wissen, es hat keine Zukunft, aber na und? Was hat schon Zukunft, außer das Leben selbst?

Mehr lesen
Dan Kieran: Slow Travel

Dan Kieran: Slow Travel

Heyne Verlag 2014, 222 Seiten

Vorwort kommt von einem Mann, Tom Hodgkinson dessen „Leitfaden für faule Eltern“ mir eine kleine Lockerungsübung in der Eltern-Performance-orientierten Welt von heute bot: Lasst die Kleinen mal allein und allein machen, selbst machen. Bleib locker und trink ruhig noch ein Bier auf dem Geburtstag deines Kindes, statt auch nur wieder alles im Griff haben zu wollen und aus der Orga!-Schleife gar nicht mehr rauszukommen, die modernes Familienleben heute bedeutet.
Dieses Reisebuch von einem Freund und Kollegen von Hodgkinson zielt in eine ähnliche Richtung – und passt deswegen so gut in eine Zeit, die von digitalem Fasten faselt und Achtsamkeit sucht und in der Leute unfähig geworden zu sein scheinen, irgendwas dem Zufall zu überlassen oder auch nur eine Sekunde Stille vulgo Langeweile zu ertragen. Kieran schildert sein eigenes Erweckungserlebnis, als er einfach von seinem Haus losging und dabei Abenteuer erlebte, weil er nicht wusste, wo er hinkommen würde, wie es dort aussähe und wie die Dinge zwischen seinem Haus und diesem unbekannten Ziel laufen würden.

Slow Travel von Dan Kieran

Er war aufgeregt und offen, gespannt und konzentriert, entspannt und voller Vorfreude – und machte dabei eigentlich nur einen ausgedehnten Spaziergang in der Umgebung. Aber eben eine, die er nicht kannte, obwohl er jeden Tag dort hin und herfuhr im Auto, einzelne Orte kannte, wie Inseln in einem Meer, aber das Dazwischen nicht. Weil von A noch B fahren eben eine Strecke und ein Ziel hat, von A loslaufen und nicht mal wissen, was B ist, etwas ganz anderes darstellt.

Und so erzählt Kieran witzig, umdidaktisch oder ganz und gar uneitel oder gar belehrend über die beste Art zu Reisen. Langsam mit Zug oder zu Fuß oder wie er mit ein paar Freunden in einem uralten Elektromotor-getriebenen Milchwagen, wobei man immer nach einiger Zeit erstmal wildfremde Menschen ansprechen musste, um in ihrem Haus Strom zu bekommen – ein für typisch zurückhaltende Engländer und typische individualistische, autonom-orientieret Westeuropäer schwieriges Verhalten – mit ganz großen Erlebnissen als Folge. Er erzählt von der Lektüre der großen Reiseschriftsteller und was sie über das richtige Reisen schon wussten, wir aber offenbar vergessen haben – jedenfalls bei Flugreisen und Pauschalurlauben ganz sicher nicht beherzigen. Er erzählt von alten Reiseführern und ihrem Ton und ihrer Art, Menschen die Welt zu zeigen. Er erzählt von herrlichen Katastrophentrips, die aber am Ende zum Glück für die Reisenden wurden.

Er erläutert auch, warum unser Hirn bei der Art zu Reisen so eine große Rolle spielt und auch, was Reisen mit unserem Hirn, unserem Bewusstsein macht. Was Neurowissenschaftler über das Reisen wissen. Wie Unterbewusstsein ja ständig für uns (meist richtig) entscheidet, wir aber auf Reisen alles dafür tun, dass es gar nicht zum Zuge kommt, sondern wegen der durchgeplanten und formatierten Art des Reisens wir gar nicht lernen und erleben können (und es sich nach vielen Reisen auch genauso anfühlt).

Night

Er preist (wie eigentlich alle erfahrenden Reisenden) das Alleinreisen, weil man noch aufmerksamer, freier und offener ist. Wie also den Kopf verlieren, um ihn an ganz und gar unerwarteter Stelle wiederzufinden? Zum Beispiel beim Lesen dieses sehr unterhaltsamen und klugen Buchs, das keine „Schule des Reisens“ sein will – im Gegenteil. Denn die Vorschläge von Kieran zielen alle auf kleine Veränderungen bei der Art, wie wir von A noch B kommen, ob wir überhaupt „Ankommen“ als Ziel ausgeben wollen, erzählt, warum ein in diesem Sinne richtig gemachter Wandertag mehr auslösen kann in uns als eine dreiwöchige Fernreise.

Wir müssen nicht Extremsportler oder Wüstenwanderer werden, wir müssen nicht in Kriegsgebiete fahren oder uns Gefahren aussetzen (Wetter, Tiere, gefährliche Landschaft), um zu fühlen und zu lernen. Wir müssen nur locker lassen und losgehen und dabei vielleicht erstmal nichts vorhaben, außer genau das zu tun. Aber richtig und ganz. Der Rest ergibt sich dann. Und so kommt man mit Menschen zusammen. Mit Menschen, Situationen oder Orten, von denen wir nie erfahren hätten, hätten wir versucht sie zu finden.

Haruki Murakami: Kafka am Strand

Haruki Murakami: Kafka am Strand

Nach einigen begeisterten Lektüren vor sicher zehn oder 15 Jahren (die Kurzgeschichten, Hard Boiled Wonderland, Naokos Lächeln) und einigen gescheiterten Leseveruschen (Mr. Aufziehvogel, Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki), weil die Geschichten mich nicht über Seite 100 ziehen konnten, war diese surreale Alltagsgeschichte, dieser dicke Romans mit zwei Hauptfiguren, sprechenden Katzen und sowohl einer zweiten Dimension wie Bedeutung, ganz leicht zu lesen.

Zwei Welten und Erzählungen näher sich immer weiter an und berühren sich schließlich ganz leicht: Ein Strang ist der 15-jährige Kafka, der andere der leicht minderbemittelte Nakata (der von einer Reise auf die andere Seite so lädiert zurückkehrte). Alles spielt sich in einer seltsamen Bibliothek und eine noch seltsameren Berghütte, rund um einen geheimnisvollen Stein und regnende Fische und diverse Hotels und Unterschlüpfe ab.

Mehr lesen
3×2. Weltkrieg – drei Romane ein Thema

3×2. Weltkrieg – drei Romane ein Thema

Krieg – Drei Bücher erzählen vom Davor, kurz vorm Ende und danach

Endlich! Der letzt Teil von Jason Lutes BERLIN TRILOGIE erschienen. Und Endlich #2 – nach 10 Jahren wieder ein Buch von Michael Ondaatje („Katzentisch“ von 2011 interessierte mich nicht so), sein WARLIGHT wird gerade auch von den deutschen Rezensenten gepriesen. Und schließlich, von dem hab ich nie genug, Ralf Rothmann DER GOTT JENES SOMMERS.

Alle drei Bücher spielen rund um den Zweiten Weltkrieg, mit unterschiedlichsten Perspektiven und Erzählformen. Mal als multiperspektivisches Kaleidoskop aus Geschichten (Lutes), als Sommerzählung aus der Sicht eines jungen Mädchen vom Land am Rand des Krieges (Rothmann) oder als Agentenroman und gleichzeitig Coming of Age Geschichte (Ondaatje).
Der Krieg aber ist in allen Geschichten schimmernder Hintergrund für Geschehnisse, Charaktere und eine Stimmung, voller Möglichkeiten, sozialer Umbrüche, irrwitzigen Karrieren, aber auch Ängsten, Hassbotschaften und politischer Unübersichtlichkeit und Einzelschicksalen, die sowohl historisch treffend wie zeitlos scheinen.

Mehr lesen
Das gilt immer: KÄMPFEN von Karl Ove Knausgard

Das gilt immer: KÄMPFEN von Karl Ove Knausgard

 

Dieses Knausgard Buch ist beglückend und erhellend. Knausgard hat eine über viertausend Seiten umfassende, sechsbändige Serie  in nur drei Jahren geschrieben (der letzte Band schon 2011 in Norwegen erschienen). All das, um sein Leben zu erzählen. Aber es ist keine Autobiografie. Die Bücher sind nicht chronologisch. Und Knausgard war bis zum Erscheinen der ersten drei Bücher nur Experten skandinavischer Literatur ein Begriff, eine Biografie zu schreiben wäre also einigermassen vermessen erschienen. Und weil Knausgard, wie wir lernen in seinen Büchern, durch mangelndes Selbstbewusstsein und ewige Selbstzweifel gequält wurde, wäre er wohl als letzter auf die Idee gekommen, sein Leben zu erzählen. Er meinte nämlich: Was hab ich schon zu erzählen.

Und dann stirbt sein Vater. Und Knausgard wählt die radikale Erinnerung mit (weitgehend) Klarnamen und beschreibt hochdetailiert einfach nur Alltag aus Aufstehen, Arbeiten, Studium, Saufen, Kinderkriegen und -haben, Kaffeetrinken, Putzen, Kochen, Rauchen, Reden. Unterbrochen von Reflexionen über das Große und das Ganze, sein Leben, die Kunst, die Welt, die Menschen, Gefühle, Schreiben, Wollen und Können, Scheitern und Glück. All das erregte eine Menge Menschen. All das traf einen Nerv. All das hat mit uns zu tun, auch wenn es scheinbar nur um einen speziellen Mann geht, seine Jugend, seine Karriere, seine Familie. Unsere Gegenwart.

Mehr lesen

Marion Poschmann: Die Kieferninseln

Marion Poschmann: Die Kieferninseln

Suhrkamp, 165 Seiten

Und wieder Japan. Diesmal in Form einer allegorischen Reise mit imaginiertem Gefährten. Der Unidozent Gilbert (Forschungsschwerpunkt Bärte) stürzt aus eine Ehekrise direkt in eine berufliche Sinnkrise und von da nach Japan. Zunächst ist er dort der typisch staunende (aber nur mit dem Kopf, der Mann fühlt nicht viel) Westler, begibt er sich von Lektüre japanischer Dichter inspiriert bald auf eine legendäre Pilgerreise: Er will auf den Spuren des berühmten Dichters Basho zu den von ihm in Haikus verewigten Orten fahren. Sie bestehen, auch wieder typisch Japanisch, vor allem aus Bäumen und Steinen.

An einem Bahnhof verhindert er sehr unspektakulär den Suizid eines jungen Mannes. Der unterwirft sich fortan dem Willen des gescheiterten Unidozenten und reist mit ihm. Als eine Art japanisches Alter Ego in jung. Sexuell und beruflich gescheitert, eine Schande für die Eltern und die Welt, mit einem angeklebten Bart, will er an einem für Suizidfreaks heiligen Ort aus dem Leben scheiden: An berühmten Klippen oder in einem berühmten Selbstmord-Wald (ein YouTube Star erntete gerade einen Shitstorm, weil er in dem Wald eine Leiche entdeckte und sie filmte). Gilbert will dem jungen Mann jedoch zu einem ehrenvollen Ende verhelfen und ihn zugleich davon abbringen, bzw. wenn er ihn schon nicht davon abbringen kann, dann soll es wenigstens in angemessener Form geschehen.

Mehr lesen

Frenk Meeuwsen: ZEN OHNE MEISTER

Frenk Meeuwsen: ZEN OHNE MEISTER

Zen und die Kunst, einen Comic zu zeichnen

avant Verlag, 286 Seiten

Der niederländische Maler zeichnete mit ZEN OHNE MEISTER seinen ersten Comic. Über seine persönlichen Lebensthemen: Zen. Japan. Kampfkunst.

Und er erzählt nebenbei in vielen kurzen, nur thematische verknüpften Kapiteln, warum wir Westler von der Zen Mischung aus Philosophie und Glauben, aus Handlungsanweisung und Gefühl oder Sehnsucht so fasziniert sind – und dem Zen-Weg doch immer nur nah kommen können. Weil Zen in Asien über viele Jahrhunderte tief ins kulturelle Leben eingedrungen ist, dort Architektur, Essen, Kleidung, Glauben und Handeln und Denken beeinflusst hat. Wir können ihn also (wie ander kulturelle Importe) nur auf unsere Weise erfassen, adaptieren und für uns passend machen.

Von so einer Adaption, einer intensiven Forschungsreise und dem Versuch, Zen ins eigene Leben zu integrieren erzählt Frenk Meeuwsens Comic. In Schwarz-Weiß Bildern, die träumerisch das Hier und Jetzt mit Gedanken an Gestern, Zen oder seine Kunst vermischen.

Er erzählt vom Export des Zen in den 50er Jahren in den Westen, teilt seine Gedanken über Besitz und Verlust, beschreibt seine Reisen in Japan, erzählt von seiner Kindheit und Jugend in den Niederlanden und seiner anderauernden Suche nach dem Zen-Weg. Er beschreibt, was Kunst, Tod, Malerei oder Kampf mit Zen zu tun haben – oder zu tun haben können, wenn man den Weg wählt.

Mehr lesen

Jarret Kobek: ICH HASSE DIESES INTERNET

Jarret Kobek: ICH HASSE DIESES INTERNET

Fischer, 363 Seiten

Die Lektüre fällt in eine Zeit persönlicher Social Media Zweifel. Obwohl ich auf Twitter (als das noch ein reiner Techi-Club war), Instagram und Facebook seit Jahren unterwegs bin und ja sogar Geld damit verdiene, anderen zu erklären, wie es geht.

Die Vorbehalte könnte ich wie folgt zusammenfassen: Was soll der Scheiß? Und darin bestärkt einen dieser Roman. ICH HASSE DESES INTERNET erzählt von Adeline und Freunden, die direkt oder indirekt mit den US Internet-Giganten zu tun haben, mit dem Silicon Valley und den unfassbaren Mengen Geld, die dort hinein und hinausströmen, San Francisco und die Welt verändern.

Mehr lesen

J.D. Salinger: Franny und Zooey (übersetzt von Heinrich und Annemarie Böll)

J.D. Salinger: Franny und Zooey (übersetzt von Heinrich und Annemarie Böll)

rororo 124 Seiten

Die rororo Ausgabe von „Fänger im Roggen“ inklusive meiner hohlen Kommentaren von 1984 („das langweiligste Buch der Welt, Was soll das? Hold on Holden! usw.“) steht noch bei mir im Regal. Jahre später mit großer Freude gelesen natürlich. Als mir nach Salinger war die Tage, griff ich aber zum weniger bekannten, aber vielleicht sogar schöneren Buch.

Beim Blick auf „Fänger im Roggen“: Warum lässt man eigentlich in der Schule so gern junge Menschen Bücher über junge Menschen lesen, die Probleme mit sich und ihrer Rolle haben? Glauben die Lehrerinnen, DAS könnte die denkfaul und hormongefüllten Mädels und Jungs interessieren? Ist das der Versuch, pubertierende Buchhasser (damals Fernseh- und Comicfliebhaber, heute youtube-Lover) das Lesen oder überhaupt Literatur näherzubringen? Mein S0hn muss sich „Tschick“ antun (ein tolles Buch, aber mit 13?) wie ich damals den Fänger.

Dieser einzige andere, ja was, Roman, diese beiden zusammenhängenden Kurzgeschichten von Salinger über die Geschwister Franny und Zooey spielt Mitte der 50er Jahre (schöner Trailer der die Stimmung der Geschichte ohne Worte spiegelt). Es geht wie immer um Verwirrtheit und Sinnsuche ehemaliger Wunderkinder einer New Yorker Großfamilie.

Überhaupt hat Salinger immer über junge Männer und Frauen geschrieben, immer gibt es eine kleine Schwester, die wegweisende Dinge sagt oder tut, für die älteren, intellektuellen klug daherredenden und auf erwachsen machenden Brüder. Irgendwer schrieb mal, im Grunde sei Salinger immer ein Jugendbuchautor geblieben. Und das war nicht nett gemeint.

Dabei zeugt die Haltung bloß von der Arroganz älterer Literaturpäpste, was „richtige“ Literatur ist und ist genau der Grund, warum junge Leute keine Lust haben sowas zu lesen: Weil ihnen wieder ein Großer sagt, was sie gut finden sollen. Da haben Heinrich Böll und seine Frau Annemarie anders gedacht und geben FRANNY UND ZOOEY einen wunderbaren Flow, der im Orginal nicht besser sein kann.

Die Sorgen und Ängste von Franny und Zooey sind die gleichen wie die der Kids heute. Ihre Art damit umzugehen auch: Reden (damals „in echt“ oder am Telefon, heute Whatsapp), Rückzug in fiktive Welten (damals Bücher und Filme, heute: Spiele, Internet und Filme) und die Affinität zu einem Denk-System, einer Ideologie oder Gemeinschaft, die einem sagen, wie man sein Leben leben soll (weil die Eltern es nicht mehr tun oder tun sollen).

Wer sich unwohl und unsicher mit sich fühlt, sucht. Wer total zufrieden mit sich ist, geht mit dem Mainstream. Von diesen Figuren gibt es auch immer welche in Salingers Büchern. Und obwohl auch die meist nette, normal redende, gebildete Ostküsten Kids sind allesamt, scheint er ihre Konventionalität, gebildete Borniertheit (immer weitergetragen an den Eliteunis des Landes) und zweifelsfreie Egozentrik zu hassen.

Mehr lesen

Sarah Pinborough: Sie weiß von dir

Sarah Pinborough: Sie weiß von dir

rororo, 2016, 464 Seiten

Das Buch war Empfehlung von Stephen King auf Twitter und dann noch der Literaturfiffi im Radio, der es toll fand: GANZ falsch konnte das Buch also nicht sein – sollte man meinen. Aber dieser langatmig, weitschweifige, von Adjektiven und Adverbien überschwemmte, seitenweise sich in Klein-Klein-Beschreibung verlierende Roman ist nicht einfach nur zu dick, zu lang und voll. Nein, das angeblich so „überraschende“ Ende ist eine erstaunliche Mischung aus Humbug und billigem Autoren-Trick wie Geheimtüren oder unbekannten Zwillinge in Trash-Thrillern, die am Ende die Auflösung des Rätsels sein sollen. Und dazwischen: Geschwätz, Redundanz, laaaaange Beschreibungen, sprachliche Ödnis.

Das überrascht gerade, weil Stephen King so viel Wert auf nüchterne, kantige, abgespeckte Sprache legt (wie er selbst hier schreibt), überrascht seine Empfehlung. Diese Sprache ist wie Popcorn: Riesentüte, kein Gehalt und seltsam aufgebläht schlägt man das Buch am Ende zu.

Möchte man das Buch zusammenfassen, gelingt das in einem einzigen Satz – und weiß doch alles, was der Roman zu sagen hat: Frau beginnt Affäre mit ihrem Chef (Psychologe) und seine Frau weiß das irgendwie (Psychopathin) und strickt einen Plan, um ihn zurückzugewinnen, der zu einer Persiflage aus Arztroman, Herz-Schmerz-Rosamunde-Pilcher (Frau mittleren Alters in der Krise, beste Freundin wird schlimmste Feindin usw) und Bodysnatcher Geschichte gerät – inklusive Seelenwanderung. Für den Mist braucht Pinborough fast 500 Seiten.

Muss gestehen, dass ich von den letzten 200 Seiten nur noch immer die ersten Sätze der Absätze gelesen habe und irgendwann erstaunt war, dass  NICHTS verloren geht und ich die Geschichte so ganz locker begreife – nur 5 x so schnell und dabei auf detaillierte Schilderungen von Tee machen, beim Nachbarn quatschen, Reflexionen über warum der urlaubende Sohn oder die Kollegin oder man selbst nicht so ist, wie man gern wäre.

Alle Figuren bis auf den Mann erzählen aus ICH-Perspektive, was es noch schlimmer macht, wegen Weitschweifigkeit und Selbstbespiegelung und Warum-nur-macht-er/sie-Sätzen, dann gibt es allerlei Rückblicke und eingeflochtene Notizbücher und Traumschilderungen und – verboten! – mehrmalige Erklärungen , wie alles zusammenhängt, so eine Art Zusammenfassung für Begriffsstutzige. Da kommt einem Edgar Wallace wie Kunstkino vor.

HERRgott wollte ich zwischendurch rufen: Sarah, KASSE DICH FURZ!

Ich mach das jetzt.