Hervé Le Tellier: Die Anomalie

Hervé Le Tellier: Die Anomalie

Ein bisschen Epochenkritik, ein bisschen Ensemblebuch ohne Hauptfigur, ein bisschen postmoderner Wahrheitsrelativismus gemixt mit klassischer Doppelgängerfantasie und SciFi, Matrix- und Brief-Roman. Und Schriftstellerroman und Dokudrama. Wäre vermutlich einfacher zu sagen, was das Buch nicht ist: Krimi z.B., wobei…, ist es auch. Oder Familiengeschichte? Wobei…, ist es auch. Oder tragische Liebesgeschichte? Ist es auch. Vielleicht ist genau das am Ende das Problem dieses dennoch recht schmalen Buchs. Dass es all das ist und auch sein will.

Der Doppelgänger ist ein eigenes Genre in Film und Literatur. Er verwischt seit Jahrhunderten die Grenze zwischen dem Ich und den Anderen, unterhöhlt die Autonomie des Subjekts, ist Mythos, in dem sowohl das Leiden an der Entfremdung und der Wunsch nach dem Ausbruch zusammenfinden. „Ich bin ein anderer sein, ich komme nur nicht dazu“, sagt man im Scherz. Die Passagiere des Flugs aus Paris, sie kommen jetzt dazu.

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Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch – Amerika

Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch – Amerika

Lange her, dass ich mehrmals laut lachen musste beim Lesen. Meyerhoffs Memoire hat genau wie seine anderen Bücher alles, was es braucht: Die beeindruckende Fähigkeit, Menschen in kleinen Szenen zu beschreiben, einen Helden (sich selbst), der zugleich sympathisch wie unzulänglich und sehr aufmerksam ist. Dabei erzählt er witzig und klug, während immer ein leicht melancholischer Ton mitschwingt.

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Louise Erdrich: Der Nachtwächter

Louise Erdrich: Der Nachtwächter

Es geht – auf der Handlungsebene dieses tollen Romans – ums Überleben einer First Nation in den USA. Und um das, was ein Einzelner gegen ein scheinbar übermächtiges System ausrichten kann. Auf einer ganz anderen Ebene handelt der Roman von der tiefen Verbundenheit zum eigenen Land, zu dem Boden, auf dem man steht und stirbt, Generation um Generation. Die Grenzen von Zeit und Raum, Damals&Jetzt, hier&woanders lösen sich auf und ermöglichen Hellseherei, Flüche. Geistwesen sprechen und Tiere weisen die Richtung – aber auch die Toten sind da, die Gescheiterten und Verlorenen, Alkoholismus und Entfremdung.

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Stefan Klein: Wie wir die Welt verändern

Stefan Klein: Wie wir die Welt verändern

Eine kurze Geschichte des menschlichen Geistes

Der Titel ist ein bisschen irreführend, weil es im Buch vor allem darum geht, wie die Welt UNS über viele 100 Millionen Jahre geprägt hat und sich plötzlich „der Mensch“ in der (erdhistorisch / evolutionär) extrem kurzen Zeit von 100.000 Jahren die Welt ganz neu erschließt, aber nicht groß verändert. Durch die Fähigkeit abstrakt zu denken, Symbole zu schaffen, zu planen, Werkzeuge zu schaffen, also vor allem dadurch, dass wir Ideen haben und sie in die Tat umsetzen haben wir sie verändert – in den letzten 500 von 4,6 Milliarden Jahren.

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Karl Ove Knausgard: Der Morgenstern

Karl Ove Knausgard: Der Morgenstern

Was soll man in 600 Worten zu einem Roman von fast 900 Seiten sagen? Dass er mich in seiner „grandios verlaberten“ Sprache, mit seinen Gedankenschleifen und den en détail beschriebenen Alltagshandlungen, dem Aufräumen und den Autofahrten, dem und Tür-auf-Tür-zu und den endlosen klugen, albernen, erschütternden, beruhigenden, schauderhaften und wunderbaren Gedanken dazwischen, dass er mich von der ersten bis zur letzten Seite getragen hat! Die Welt geht unter, aber das Leben geht weiter.

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Lidewey Van Noord: Pellegrina – eine italienische Radsportwallfahrt

Lidewey Van Noord: Pellegrina – eine italienische Radsportwallfahrt

In Deutschland ist Rennradfahren ja ein Nischensport wie Feldhockey. Selbst Sportfans kennen meist nur „Ulle“ Jan Ulrich und die Tour de France. In Italien ist der Giro, der Radsport, ein nationales Kulturgut wie die Pizza. Genauso in Belgien und Frankreich und den Niederlanden, von wo die tolle Autorin Lidewey van Noord kommt.

Das Buch ist was für Hardcore Fans: von Radsport und Giro D’Italia. Atmosphärische, knappe und bewegende Geschichten, begleitet von menschenleeren Fotos. Alle Kapitel drehen sich um heilige Rennradfahrer, Schutzheilige der Rennradfahrer, anbetungswürdige Berge und Leistungen – und auch die Scheinheiligkeit des Doping.

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Juli Zeh: Über Menschen

Dora hat mitten in Corona ein Haus auf’m Dorf in Brandenburg gekauft. Weil ihre Beziehung am Ende ist. Und sie als Senior Copywriter / Texterin offenbar spürt, ihre Seele zu verkaufen – auch wenn sie für eine Agentur arbeitet, die total woke und korrekt Firmen mit Nachhaltigkeits- und Weltrettungskonzept berät. Und sich wenn es darauf ankommt, trotzdem verhält wie alle.

Also Flucht in eine Brandenburger Halb-Ruine mit viel zu großem Garten. Die Bewohnerin ohne blassen Schimmer von Gartenpflege oder Anbau und Handwerk. Nebenan wohnt der selbsternannte Dorfnazi. Er wirkt wie der „einzige Schwule des Dorfs“ aus der Little Britain TV Satire: Ihm gefällt die Rolle des Außenseiters. Statt Hure mit goldenem Herz, ist Gote der Nazi mit dem Herz am rechten Fleck. Das ist ein Klischee. Aber mit Ungereimtheiten. Zeh bricht im Roman so einige Brandenburg Klischees auf und füllt sie mit menschlichen Widersprüchen und Liebenswürdigkeiten und zeigt beschädigte Typen, die irgendwie „echt“ sind.

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Stephen King: Salems Lot & Friedhof der Kuscheltiere

Stephen King: Salems Lot & Friedhof der Kuscheltiere

Auch nach sicher 35 Jahren erinnere ich mich genau, wie ich damals nach der Lektüre von Kings Salems Lot (Brennen muss Salem) in meinem Bett im Souterrain lag, in der Frotteebettwäsche mit den seltsamen Mustern, die Fantaflasche neben meinem IKEA Bett und das Buch zur Seite legte. Einzuschlafen gelang mir erst, als ich das Knacken gefolgt von Stille, das Wummern einer Windbö dann wieder Stille nicht mehr deutete, mir ein Lied vorsummte und an eine Fernsehserie wie Ein Colt für alle Fälle dachte. Vielleicht war das letzte Mal, das ich vor Angst das Licht anließ zum Einschlafen.

Beim Wiederlesen dreieinhalb Jahrzehnte später, auf Englisch, weil die deutsche Übersetzung von Salems Lot, die ich noch im Schrank hatte, unerträglich war, ist es das gleiche packende, breit und charakterlich tief und so gar nicht Horror-Effekt haschende, sondern schlichtweg unheimliche, thrilling Buch.
Mit dem fast gleichen Effekt wie damals: dass ich nämlich beim Gang in unseren dunklen Flur ein, zwei Sekunden lang ein diffuses Achtung! spüre.

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Lisa Halliday: Asymmetrie

Lisa Halliday: Asymmetrie

Roman Hanser, 315 Seiten, 2018

Empfehlung – man glaubt es kaum, aus dem Internet. Von einem Vielleser. Und ja, sehr eigenwilliges Buch. Als ich es dann bekam, hatte ich vergessen, worum es ging und begann zu lesen. Weltbekannter Schriftsteller, Ezra Blazer, und junge Verlagsangestellte Alice begegnen sich, er will sie, sie willigt ein, es wird eine geheime Affäre. Es geht in den Gesprächen und Gemeinsamkeiten um Ticks und Krankheiten, um spezielle Marmeladen oder Smoothies, natürlich um Bücher (aber eher selten), um bestimmte Hemden und Socken, Sex und Alkohol, Krankheiten, nötige Operationen und Baseball.

Das Leben der beiden findet in Blazers Apartment mit Blick auf den Central Park und die ganze Stadt oder einem großzügigen Haus auf dem Land statt, wohin er sich zum Schreiben im Sommer zurückzieht. Wenn er weg ist, scheint Alice verloren. Wenn er da ist, irgendwann unsicher, wohin das führt, und was sie davon hat. Er mag sie, sie mag ihn, zwei kluge Menschen sehr unterschiedlicher Generationen, Erfahrungen und an den beiden Enden der (beruflichen) Parabel.
Das ist witzig, klug, hellsichtig geschrieben, der Blick auf den Überfluss, der sich im Kleinklein bestimmter Qualitäten von Produkten zeigt, die Lust auf Texte und den großen Unterschied zwischen Leben und Text – vor allem den eigenen und das eigene. Beide sind sich des Klischees bewusst, dass sie da leben. Beide wissen, es hat keine Zukunft, aber na und? Was hat schon Zukunft, außer das Leben selbst?

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Dan Kieran: Slow Travel

Dan Kieran: Slow Travel

Heyne Verlag 2014, 222 Seiten

Vorwort kommt von einem Mann, Tom Hodgkinson dessen „Leitfaden für faule Eltern“ mir eine kleine Lockerungsübung in der Eltern-Performance-orientierten Welt von heute bot: Lasst die Kleinen mal allein und allein machen, selbst machen. Bleib locker und trink ruhig noch ein Bier auf dem Geburtstag deines Kindes, statt auch nur wieder alles im Griff haben zu wollen und aus der Orga!-Schleife gar nicht mehr rauszukommen, die modernes Familienleben heute bedeutet.
Dieses Reisebuch von einem Freund und Kollegen von Hodgkinson zielt in eine ähnliche Richtung – und passt deswegen so gut in eine Zeit, die von digitalem Fasten faselt und Achtsamkeit sucht und in der Leute unfähig geworden zu sein scheinen, irgendwas dem Zufall zu überlassen oder auch nur eine Sekunde Stille vulgo Langeweile zu ertragen. Kieran schildert sein eigenes Erweckungserlebnis, als er einfach von seinem Haus losging und dabei Abenteuer erlebte, weil er nicht wusste, wo er hinkommen würde, wie es dort aussähe und wie die Dinge zwischen seinem Haus und diesem unbekannten Ziel laufen würden.

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