Emma Cline: The Girls

Emma Cline: The Girls

Roman Hanser 346 Seiten

Ein Debüt, für das so mancher Autor weiß Gott wen umbringen würde. Um Mord übelster Art und jugendliche Irrungen und Fantasien geht es dann auch im Buch. Californien 1969, barbusige Hippimädchen, aber mit kalten Augen und einer Mission, die in einem Schlachtfest endet. Literarisiert finden wir hier die Geschichte der Manson Family erzählt, oder Teilen dieser düsteren Seite des Summer of Love. Großartig, sprachlich „crisp&fresh“ und so verdammt klug, dass man es mit der Angst bekommt.

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Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller

Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller

Dumont, 240 Seiten

Dieses Buch ist die Selbstauskunft eines Autors, der ansonsten kaum öffentlich auftritt und sich selbst einem rigiden System aus Schreiben und Laufen unterworfen hat. Schon Murakamis Buch „Wovon ich spreche, wenn ich vom Laufen spreche“ (Titel eine Anlehnung an ein Buch des von Murakami hochverehrten Raymond Carver), erzählte er vom Aufstehen um 5 Uhr morgens, dann Schreiben, dann Sport und der Rest des Tages mit dies und jenem verbringen und früh ins Bett. Anders will er nicht leben, anders kann er nicht schreiben. Aber warum schreibt er, was findet er schreibenswert, wie findet er seine Ideen, was hält er von anderen Autoren und wer sollte überhaupt Schriftsteller werden? Davon erfährt man ein wenig, aber nicht so viel, wie mancher vielleicht erwarten mag. Es ist ein Buch für Schreibende und Hardcore Fans. Mehr lesen

Richard Ford: Unabhängigkeitstag

Richard Ford: Unabhängigkeitstag

Berlin Verlag, 589 Seiten

Das hier ist die Mitte der Bascombe Trilogie (vier Bücher sind es mit dem überraschenden Post-Scirptum: Let me be Frank with you). Sicher schon drei mal gelesen, aber das allererste mal war, als ich selbst in USA lebte und Richard Ford für Independence Day gerade den Pulizter Preis gewonnen hatte. Als Student mit 26 las es sich (bestimmt, kann mich kaum erinnern) ganz anders, als heute mit 45, wo ich ungefähr so alt bin, wie der Frank im Buch. Ob ich damals den Tiefgang, die Melancholie, das hilflose Suchen von Frank nach Nähe zu seinen Kindern, zu seiner Ex, seiner Freundin und zu sich selbst packen konnte? Sich einen Reim auf all das machen, was passiert ist und wohl noch kommt. Für solche Zugänge muss man wohl älter werden. Und dann ist das Buch im Büchersack, den ich beim Umzug zurück nach Europa packte und verschickte, verloren gegangen. Vielleicht auch ein Zeichen.

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Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

suhrkamp, 423 Seiten

Das ist also der erste Teil von vier. Bei der Erstveröffentlichung in Deutschland schlich Ferrante nahezu unbemerkt durch die Buchhandlungen – und wurde wenige Zeit später in den USA so erfolgreich, wie einst Isabel Allende. Eine Art Ferrante Fieber brach aus, das schon bald zu literarischen Touren von US-Touristen durchs Ferrante Neapel über zahllose Verweise und Referenzen in Zeitschriften und Zeitungen führte. Es folgten Recherchen wer die anonyme Autorin denn nun ist. Erfolg macht Neider und neugierig.

Alles zunächst ohne, dass in Deutschland jemand groß Notiz nahm – nur die Preise der antiquarischen Ausgaben in Deutsch schossen in die Höhe. Der suhrkamp Verlag wirft nun  aber in kurzer Folge die vier Neapel-Romane auf den Markt, diesmal mit entsprechender Marketinguntermalung. Und sie haben es geschafft: Platz 1 auf der Bestsellerliste. KEINE Zeitung, kein Radiosender, der nicht über den ersten Band „Meine Geniale Freundin“ berichtete. Ein Buch, das vielleicht in der Lage ist, das von Camorra und Gomorrha zerstörte Bilder der Stadt wieder herzustellen – und zugleich auch zu erklären, wo der Zusammenhang zwischen Aufstieg und Fall einer Metropole wie Neapel und den urbanen, sozialen und kulturellen Bedingungen eines Viertels wie des „Rione“ ist. Und zu unterhalten. Und sprachlich sehr eigen und bewegend zu sein. Und wie heute die großen Serien horizontal zwei Leben und dutzende von Nebenfiguren zu erzählen – ohne dabei postmodern wie Pynchon zu mäandern.

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Christian Kracht: Die Toten

Christian Kracht: Die Toten

Kiepenheuer & Witsch, 212 Seiten

Das schleimige Rangewanze in einem Interview, das Denis Scheck, den ich sonst in Sachen Leserei sehr gut finde, hätte mich fast vom Kauf abgehalten. Und dann steht noch auf dem Buchrücken dieser Hohlsatz von ihm, dass das Buch vom Preis handle, „um den das Neue in die Welt kommt“. Ach je. Trotzdem gekauft. Und dann über die ersten Seiten gestaunt, die Ausgestelltheit und Gespreiztheit der Sprache – bis Kracht es im weiteren selbst erklärt. Irgendwann ist man drin in dieser Geschichte vom schweizer Regisseur Naegli, einem japanischen, tja, Verräter und Sprachgenie und einer blonden Deutschen – dazu Chaplin, Rühmann und ein paar Figuren der deutschen Geschichte. Deutschland, Europa und Asien kurz vor dem Fall in den Krieg und die Filmwelt kurz vor Ton- und Farbfilm Revolution. Und der Tod und die Liebe dürfen auch nicht fehlen, obwohl es vordergründig um ein Horrorfilmprojekt in Japan geht. Aber auch um die Kunst überhaupt. Und das Leben. Und Sterben. Und das Kurzdavor.

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Paul Harding: Verlust

Verlust von Paul Harding
Verlust von Paul Harding

Luchterhand 272 Seiten

Manches kann man sich nicht vorstellen. Manches mag man sich nicht vorstellen. Man soll hier bedeuten: Ich als Vater. Oder Väter. Eltern. Zum Beispiel den Tod des eigenen Kindes. Da kommt eine natürliche Ordnung durcheinander wie im Krieg, wenn die Jungen vor den Alten sterben, wenn Eltern ihre Kinder beerdigen müssen und die Zukunft plötzlich keine mehr ist. So geht es Charlie aus einer Kleinstadt in den USA, der seine Tochter bei einem Unfall verliert, nur ein paar Tage später auch seine Frau, die ihn verlässt und dann die Kontrolle über sein ganzes Leben, weil der Schmerz so tief, die Trauer so groß, die Gründe weiterzuleben so verschwindend sind.

Charlie schildert seinen Sinkflug in Drogen, Alkohol, Verwahrlosung seltsam hellsichtig, unterbrochen von Erinnerungen an seine Tochter, an die Alltäglichkeiten einer Liebe, eines Lebens, die erst dann Bedeutung bekommen, wenn es kein „Mehr“ gibt, wenn keine weiteren Erinnerungen und Erlebnisse und Gemeinsamkeiten mehr gesammelte werden können, weil die Tochter tot ist, von einem Auto überfahren auf dem Heimweg vom Schwimmen. Dann erst bekommt das Vergangene Bedeutung, laden sich Momente symbolisch auf, dann erst erkennt man in jeder Erinnerung an das eigene Kind, an das Leben, das man so einfach führte, schon den drohenden Tod. Wir leben nur so lang in der Gegenwart, wie wir eine Zukunft haben. Die hat Charlie verloren.

In einer sehr schönen, schweren, manchmal poetischen Sprache begleiten wir ihn durch seine Trauer, seine Gedanken, seinen Schmerz – nur ein Mann und der Verlust. Mehr passiert nicht. Aber durch die Sprache und die Bedeutsamkeit, die nun alles hat, ist VERLUST kein spannendes Buch im thrillersinnn, aber ein Buch, das einen packt. Tief drin. Einzig die zwei, drei Passagen, in denen Träume oder Wahnvorstellungen vom Erzähler Besitz nehmen, in denen er nicht nur seinen Körper endgültig zerstört zu haben scheint, sondern auch seinen Verstand, diese Szenen waren etwas too much. Ansonsten aber eine Geschichte, die einen nah heranführt an dieses Schwarze Loch, zu dem das eigene Leben wird, wenn man sein Kind verliert.

Wiliam Finnegan: Barbarian Days – A Surfing Life

Wiliam Finnegan: Barbarian Days – A Surfing Life

Corsair, 499 Seiten

Finnegan kenne ich als Autor des New Yorker. Dort berichtet er vor allem überinnenpolitische und gesellschaftliche Themen aus den USA und macht spannende lange Texte zu Krisenregionen. Dass 1992 vielleicht den besten Text übers Surfen geschrieben hat und dabei einen Freund portraitierte, von dem sogar ich, einige 1000 Kilometer weiter und bisher einmal in meinem Leben auf dem Brett gestanden, gehört hatte, wurde mir erst mit der Lektüre dieser Pulitzer geehrten Biografie klar: „Playing Doc’s Games.“ hieß der Artikel damals. Er dreht sich um Dr. Mark Renneker, einen Surfmaniac und Arzt in San Francisco. Und der kommt auch im letzten Teil dieses grandiosen Buchs über einen „Weg“ (nicht einen „Sport“) vor: Wellenreiten, Surfen, Big Waves.

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