Paul Auster ist tot

Paul Auster ist tot

jeder, der schreibt, hat jemanden, der es ihm durch seine Bücher beibringt. Für mich war das in den 90ern Paul Auster. Nun ist er ganz konsequent als unbeirrbarer Zigarilloraucher an Lungenkrebs gestorben.

Als ich ihn 1995 unmittelbar vor einem wochenlangen cross-country Trip in New Yorks Washington Square Park traf und mich nach einer Lesung kurz mit ihm unterhielt, da war dies wie ein gutes Omen für meine Reise. Und mehr als das: es war ein stiller Pakt. Ich werde schreiben! Ich werde auch was zu erzählen haben.

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Alexander Osang: Fast Hell

Alexander Osang: Fast Hell

Ich hatte den Titel Englisch verstanden, weil Osang ja auch lang in USA Korrespondent des Spiegel war: FAST HELL, Schnelle Hölle, das wär doch ein toller Titel. Auf Deutsch ist er dagegen so lyrisch-zärtelnd… 

Ist zwei Jahre her, dass ich es gelesen habe und mir ist erstaunlich wenig in Erinnerung – bis auf ein schönes Leseerlebnis. Das Buch ist wie eine angenehme Bahnfahrt mit vielen Gedanken, Einsichten und Reflexionen, ohne dass einem nach drei Stunden die Landschaft vor den Fenstern besonders im Gedächtnis geblieben wäre.

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Jan Böhmermann: gefolgt von niemandem, dem du folgst

Jan Böhmermann: gefolgt von niemandem, dem du folgst

Twitter Tagebuch 2009-2020

Die Welt war eine andere. Klar. Auch die Twitterwelt war eine andere, als Jan Böhmermann zehn Jahre Twitterei in ein Buch band 2020. Vor Corona. Vor Invasion. Zwei Jahre später vom Jünger zum Skeptiker gewandelt, denkt er wegen Elon Musks Übernahme und dessen grotesken Gehabe als Chef des Dienstes über das Ende von Twitter oder jedenfalls sein Ende bei Twitter nach. Und ich lese, wie es mal für ihn war, begeistert 140 Zeichen zu lieben und Millionen Follower zu sammeln.

Ein Buch wie das Höhlengleichnis von Platon: Abbild der Wirklichkeit, der wir in Eigenleistung sehr viel (Text/Hintergrund/Zusammenhänge) hinzufügen müssen, um es als Etwas zu erkennen. Ein unterhaltsames Buch, das fast schon nostalgisch wirkt, weil bei allen Debatten und Shitstorms damals, die Debatten heute, nur zwei Jahre später, noch krasser, die Shitstorms noch seltsamer, die Cancelei noch schneller und die Aluhüte, AfD Pimmel und Pimmelisen noch zahlreicher geworden sind. 

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Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch – Amerika

Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch – Amerika

Lange her, dass ich mehrmals laut lachen musste beim Lesen. Meyerhoffs Memoire hat genau wie seine anderen Bücher alles, was es braucht: Die beeindruckende Fähigkeit, Menschen in kleinen Szenen zu beschreiben, einen Helden (sich selbst), der zugleich sympathisch wie unzulänglich und sehr aufmerksam ist. Dabei erzählt er witzig und klug, während immer ein leicht melancholischer Ton mitschwingt.

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Ralf Rothmann: Die Nacht unterm Schnee

Ralf Rothmann: Die Nacht unterm Schnee

Noch ein Rothmann Buch über den Zweiten Weltkrieg? Dachte ich, als ich den Roman in der Buchhandlung sah – und hab es natürlich trotzdem mitgenommen. Für einen Rothmann Fan der Ruhrgebietsbücher und der Berlin Bücher über die Erzählungen bis zu den Kriegsbüchern selbstverständlich! Ich mag seinen unprätentiösen, dabei immer wieder zarten oder lyrischen, dann harten und gewollt löchrigen Erzählstil einfach sehr. Er schafft keine Figuren, sondern Menschen mit Brüchen und Widersprüchen und all diesen unterdrückten Wünschen und gefangen in Zwängen und Verlusten, er schafft Schicksale. Auch in diesem Buch wieder.

Der dritte Roman über die letzten Kriegstage in Deutschland und die unmittelbare Zeit danach (Im Frühling sterben, 2015, Der Gott jenes Sommers, 2018). Rothmann folgt offenbar der Logik des Blues, oder des Rock. Da ist es auch die immer neue und scheinbar unerschöpfliche Variation des immer gleichen. Die Figuren wieder mit ähnlichen Erlebnissen an den gleichen Orten wie in den beiden Vorgängern. Nur mit etwas anderen Schicksalen oder Entscheidungen, die aber doch wieder in ähnliche Leben münden.

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Dan Kieran: Slow Travel

Dan Kieran: Slow Travel

Heyne Verlag 2014, 222 Seiten

Vorwort kommt von einem Mann, Tom Hodgkinson dessen „Leitfaden für faule Eltern“ mir eine kleine Lockerungsübung in der Eltern-Performance-orientierten Welt von heute bot: Lasst die Kleinen mal allein und allein machen, selbst machen. Bleib locker und trink ruhig noch ein Bier auf dem Geburtstag deines Kindes, statt auch nur wieder alles im Griff haben zu wollen und aus der Orga!-Schleife gar nicht mehr rauszukommen, die modernes Familienleben heute bedeutet.
Dieses Reisebuch von einem Freund und Kollegen von Hodgkinson zielt in eine ähnliche Richtung – und passt deswegen so gut in eine Zeit, die von digitalem Fasten faselt und Achtsamkeit sucht und in der Leute unfähig geworden zu sein scheinen, irgendwas dem Zufall zu überlassen oder auch nur eine Sekunde Stille vulgo Langeweile zu ertragen. Kieran schildert sein eigenes Erweckungserlebnis, als er einfach von seinem Haus losging und dabei Abenteuer erlebte, weil er nicht wusste, wo er hinkommen würde, wie es dort aussähe und wie die Dinge zwischen seinem Haus und diesem unbekannten Ziel laufen würden.

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Das gilt immer: KÄMPFEN von Karl Ove Knausgard

Das gilt immer: KÄMPFEN von Karl Ove Knausgard

 

Dieses Knausgard Buch ist beglückend und erhellend. Knausgard hat eine über viertausend Seiten umfassende, sechsbändige Serie  in nur drei Jahren geschrieben (der letzte Band schon 2011 in Norwegen erschienen). All das, um sein Leben zu erzählen. Aber es ist keine Autobiografie. Die Bücher sind nicht chronologisch. Und Knausgard war bis zum Erscheinen der ersten drei Bücher nur Experten skandinavischer Literatur ein Begriff, eine Biografie zu schreiben wäre also einigermassen vermessen erschienen. Und weil Knausgard, wie wir lernen in seinen Büchern, durch mangelndes Selbstbewusstsein und ewige Selbstzweifel gequält wurde, wäre er wohl als letzter auf die Idee gekommen, sein Leben zu erzählen. Er meinte nämlich: Was hab ich schon zu erzählen.

Und dann stirbt sein Vater. Und Knausgard wählt die radikale Erinnerung mit (weitgehend) Klarnamen und beschreibt hochdetailiert einfach nur Alltag aus Aufstehen, Arbeiten, Studium, Saufen, Kinderkriegen und -haben, Kaffeetrinken, Putzen, Kochen, Rauchen, Reden. Unterbrochen von Reflexionen über das Große und das Ganze, sein Leben, die Kunst, die Welt, die Menschen, Gefühle, Schreiben, Wollen und Können, Scheitern und Glück. All das erregte eine Menge Menschen. All das traf einen Nerv. All das hat mit uns zu tun, auch wenn es scheinbar nur um einen speziellen Mann geht, seine Jugend, seine Karriere, seine Familie. Unsere Gegenwart.

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Frenk Meeuwsen: ZEN OHNE MEISTER

Frenk Meeuwsen: ZEN OHNE MEISTER

Zen und die Kunst, einen Comic zu zeichnen

avant Verlag, 286 Seiten

Der niederländische Maler zeichnete mit ZEN OHNE MEISTER seinen ersten Comic. Über seine persönlichen Lebensthemen: Zen. Japan. Kampfkunst.

Und er erzählt nebenbei in vielen kurzen, nur thematische verknüpften Kapiteln, warum wir Westler von der Zen Mischung aus Philosophie und Glauben, aus Handlungsanweisung und Gefühl oder Sehnsucht so fasziniert sind – und dem Zen-Weg doch immer nur nah kommen können. Weil Zen in Asien über viele Jahrhunderte tief ins kulturelle Leben eingedrungen ist, dort Architektur, Essen, Kleidung, Glauben und Handeln und Denken beeinflusst hat. Wir können ihn also (wie ander kulturelle Importe) nur auf unsere Weise erfassen, adaptieren und für uns passend machen.

Von so einer Adaption, einer intensiven Forschungsreise und dem Versuch, Zen ins eigene Leben zu integrieren erzählt Frenk Meeuwsens Comic. In Schwarz-Weiß Bildern, die träumerisch das Hier und Jetzt mit Gedanken an Gestern, Zen oder seine Kunst vermischen.

Er erzählt vom Export des Zen in den 50er Jahren in den Westen, teilt seine Gedanken über Besitz und Verlust, beschreibt seine Reisen in Japan, erzählt von seiner Kindheit und Jugend in den Niederlanden und seiner anderauernden Suche nach dem Zen-Weg. Er beschreibt, was Kunst, Tod, Malerei oder Kampf mit Zen zu tun haben – oder zu tun haben können, wenn man den Weg wählt.

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Arno Frank: So, und jetzt kommst du

Arno Frank: So, und jetzt kommst du

Tropen / Klett-Cotta, 2017, 352 Seiten

Familienromane sollen ja schon eine Weile mal wieder out sein. Aber was ist das überhaupt, ein Familienroman? VaterMutterKind? VaterSohnKonflikt? TochterAufAbwegen? Ödipale & Vaterkomplexe? Oder einfach eine Geschichte über Menschen, die Vater, Mutter und Geschwister haben? Wenn die Familie die Keimzelle für Schmerz und Erfolg ist, wenn Lebensentscheidungen auf ihre Konstruktion und ihren Lernraum beruhen, dann ist doch fast jedes Buch ein Familienroman, oder? Nur, dass in manchen Büchern eben die Binnendynamiken der Familie im Mittelpunkt stehen. So ein Buch ist das hier. Und dazu ein wilder Trip durch die 80er. Aber wie der berühmte Frosch, der im sich allmählich erhitzenden Wasser sitzt, hockt die Familie Frank in ihrem Leben. Und das wird nicht für alle gut ausgehen. Wobei… das weiß man so genau nicht zu sagen.

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Igort: Berichte aus Japan (Eine Reise ins Reich der Zeichen)

Igort: Berichte aus Japan (Eine Reise ins Reich der Zeichen)

Reprodukt, 2016, 182 Seiten

Und nochmals Japan und Biografie. Und Bilder, die Japan von sich und wir von ihm haben. Viele Bilder. Grandiose Bilder. Falsche Bilder. Der bekannte italienische Comic und Mangazeichner Igort erzählt mit diesem Buch, wie er zu einem der ersten europäischen Comic Autoren in Japan wurde. Und er erzählt sehr viel über dieses Land und seine Geschichte voller Geschichten und Zeichen und Eigenheiten und Traditionen in Kultur und Kunst und Design.

Igort fasst Fuß als Zeichner, ist sehr allein zunächst, aber zugleich willkommen. Er begegnet den großen der Branche, Miyazaki vom Studio Ghibli (Chihiros Reise, Mein Nachbar Totoro, Das Wandelnde Schloss, etc.) und dem in diesem Jahr verstorbenen Jiro Taniguchi (Vertraute Fremde, Gipfel der Götter, Der Spazierende Mann +30 weitere).

Er steigt ein in die Knechtschaft der Mangazeichner, die in Serie, Tag für Tag, Woche für Woche ihre Zeichnungen raushauen. Auch das very Japan-Style, die Disziplin, die Ordnung, die Regelmässigkeit des Tuns, notfalls ein ganzes Leben lang, um es zu etwas zu bringen. Nicht unbedingt zu Geld und Ruhm, aber zu Meisterschaft.

Und mittendrin erzählt er auch vom ästhetischen „Paradox“ Japans, vom Wabi Sabi, der Verehrung der Perfektion UND der Unvollkommenheit bei gleichzeitig erkennbarer Patina, Vergänglichkeit eines Dings – ob Keramik oder eine Zeichnung. Es geht um eine Wahrnehmung von Schönheit, die in Japan in Handwerk und Kunst Tradition haben: Perfektion anstreben, nie aufhören zu üben und mit der Unvollkommenheit und Vergänglichkeit der Mühen leben – sie auch im Werk zeigen. Was eine Kunst.

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