Dan Kieran: Slow Travel

Dan Kieran: Slow Travel

Heyne Verlag 2014, 222 Seiten

Vorwort kommt von einem Mann, Tom Hodgkinson dessen „Leitfaden für faule Eltern“ mir eine kleine Lockerungsübung in der Eltern-Performance-orientierten Welt von heute bot: Lasst die Kleinen mal allein und allein machen, selbst machen. Bleib locker und trink ruhig noch ein Bier auf dem Geburtstag deines Kindes, statt auch nur wieder alles im Griff haben zu wollen und aus der Orga!-Schleife gar nicht mehr rauszukommen, die modernes Familienleben heute bedeutet.
Dieses Reisebuch von einem Freund und Kollegen von Hodgkinson zielt in eine ähnliche Richtung – und passt deswegen so gut in eine Zeit, die von digitalem Fasten faselt und Achtsamkeit sucht und in der Leute unfähig geworden zu sein scheinen, irgendwas dem Zufall zu überlassen oder auch nur eine Sekunde Stille vulgo Langeweile zu ertragen. Kieran schildert sein eigenes Erweckungserlebnis, als er einfach von seinem Haus losging und dabei Abenteuer erlebte, weil er nicht wusste, wo er hinkommen würde, wie es dort aussähe und wie die Dinge zwischen seinem Haus und diesem unbekannten Ziel laufen würden.

Slow Travel von Dan Kieran

Er war aufgeregt und offen, gespannt und konzentriert, entspannt und voller Vorfreude – und machte dabei eigentlich nur einen ausgedehnten Spaziergang in der Umgebung. Aber eben eine, die er nicht kannte, obwohl er jeden Tag dort hin und herfuhr im Auto, einzelne Orte kannte, wie Inseln in einem Meer, aber das Dazwischen nicht. Weil von A noch B fahren eben eine Strecke und ein Ziel hat, von A loslaufen und nicht mal wissen, was B ist, etwas ganz anderes darstellt.

Und so erzählt Kieran witzig, umdidaktisch oder ganz und gar uneitel oder gar belehrend über die beste Art zu Reisen. Langsam mit Zug oder zu Fuß oder wie er mit ein paar Freunden in einem uralten Elektromotor-getriebenen Milchwagen, wobei man immer nach einiger Zeit erstmal wildfremde Menschen ansprechen musste, um in ihrem Haus Strom zu bekommen – ein für typisch zurückhaltende Engländer und typische individualistische, autonom-orientieret Westeuropäer schwieriges Verhalten – mit ganz großen Erlebnissen als Folge. Er erzählt von der Lektüre der großen Reiseschriftsteller und was sie über das richtige Reisen schon wussten, wir aber offenbar vergessen haben – jedenfalls bei Flugreisen und Pauschalurlauben ganz sicher nicht beherzigen. Er erzählt von alten Reiseführern und ihrem Ton und ihrer Art, Menschen die Welt zu zeigen. Er erzählt von herrlichen Katastrophentrips, die aber am Ende zum Glück für die Reisenden wurden.

Er erläutert auch, warum unser Hirn bei der Art zu Reisen so eine große Rolle spielt und auch, was Reisen mit unserem Hirn, unserem Bewusstsein macht. Was Neurowissenschaftler über das Reisen wissen. Wie Unterbewusstsein ja ständig für uns (meist richtig) entscheidet, wir aber auf Reisen alles dafür tun, dass es gar nicht zum Zuge kommt, sondern wegen der durchgeplanten und formatierten Art des Reisens wir gar nicht lernen und erleben können (und es sich nach vielen Reisen auch genauso anfühlt).

Night

Er preist (wie eigentlich alle erfahrenden Reisenden) das Alleinreisen, weil man noch aufmerksamer, freier und offener ist. Wie also den Kopf verlieren, um ihn an ganz und gar unerwarteter Stelle wiederzufinden? Zum Beispiel beim Lesen dieses sehr unterhaltsamen und klugen Buchs, das keine „Schule des Reisens“ sein will – im Gegenteil. Denn die Vorschläge von Kieran zielen alle auf kleine Veränderungen bei der Art, wie wir von A noch B kommen, ob wir überhaupt „Ankommen“ als Ziel ausgeben wollen, erzählt, warum ein in diesem Sinne richtig gemachter Wandertag mehr auslösen kann in uns als eine dreiwöchige Fernreise.

Wir müssen nicht Extremsportler oder Wüstenwanderer werden, wir müssen nicht in Kriegsgebiete fahren oder uns Gefahren aussetzen (Wetter, Tiere, gefährliche Landschaft), um zu fühlen und zu lernen. Wir müssen nur locker lassen und losgehen und dabei vielleicht erstmal nichts vorhaben, außer genau das zu tun. Aber richtig und ganz. Der Rest ergibt sich dann. Und so kommt man mit Menschen zusammen. Mit Menschen, Situationen oder Orten, von denen wir nie erfahren hätten, hätten wir versucht sie zu finden.

Helge Timmerberg: Die rote Olivetti

Helge Timmerberg: Die rote Olivetti

Der Titel ist schön. Der Untertitel ist Scheiße. „Mein ziemlich wildes Leben zwischen Bielefeld, Havanna und dem Himalaya“? Echt? Und auch das Foto, mit Kippe im Mund, hat er sicher mit dem Verlag diskutieren müssen. Auf einem seiner älteren Bücher sitzt er im Unterhemd, auch mit Kippe. „Wer soll denn das Buch kaufen, Helge?“, dürften die gefragt haben. Ich hab mich nicht abschrecken lassen. Denn wie und was Timmerberg erzählt – einstiger Tempo, Twen, Stern, Playboy und Bunte Autor – von Reisen und der Medienwelt, von seinen Fickfreundinnen und Kollegen und überhaupt sein Ich-habs-einfach-drauf-Gemache, das ist oft lustig, unterhaltsam und, ja, meist auch einfach gut geschrieben.

Keine Autobiografie ist das, eher ein Ultra-Langtext „Wie ich der Journalist/Reiseautor/Frauentyp wurde, der ich bin“. Es ist auch ein Buch über – obwohl gerade erst 20 Jahre her – eine untergegangene Epoche: Die Bedingungen und Stimmungen der Medienwelt West-Deutschlands der 80er und 90er. Verrückte Verleger mit scheinbar endlos Geld. Karrieren die aus dem Suff und Kiff heraus wachsen – Talent ein bisschen, Ehrgeiz ein bisschen, Ausdauer sehr viel und gesunder Eigensinn. Hinten raus schwelgt er mir ein bisschen zu sehr in Erinnerungen an die kubanischen Frauen – alle – und einige ganz besonders.
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