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Biografie Gelesen Über das Schreiben

Helge Timmerberg: Die rote Olivetti

Der Titel ist schön. Der Untertitel ist Scheiße. „Mein ziemlich wildes Leben zwischen Bielefeld, Havanna und dem Himalaya“? Echt? Und auch das Foto, mit Kippe im Mund, hat er sicher mit dem Verlag diskutieren müssen. Auf einem seiner älteren Bücher sitzt er im Unterhemd, auch mit Kippe. „Wer soll denn das Buch kaufen, Helge?“, dürften die gefragt haben. Ich hab mich nicht abschrecken lassen. Denn wie und was Timmerberg erzählt – einstiger Tempo, Twen, Stern, Playboy und Bunte Autor – von Reisen und der Medienwelt, von seinen Fickfreundinnen und Kollegen und überhaupt sein Ich-habs-einfach-drauf-Gemache, das ist oft lustig, unterhaltsam und, ja, meist auch einfach gut geschrieben.

Keine Autobiografie ist das, eher ein Ultra-Langtext „Wie ich der Journalist/Reiseautor/Frauentyp wurde, der ich bin“. Es ist auch ein Buch über – obwohl gerade erst 20 Jahre her – eine untergegangene Epoche: Die Bedingungen und Stimmungen der Medienwelt West-Deutschlands der 80er und 90er. Verrückte Verleger mit scheinbar endlos Geld. Karrieren die aus dem Suff und Kiff heraus wachsen – Talent ein bisschen, Ehrgeiz ein bisschen, Ausdauer sehr viel und gesunder Eigensinn. Hinten raus schwelgt er mir ein bisschen zu sehr in Erinnerungen an die kubanischen Frauen – alle – und einige ganz besonders.

Die 70er&80er im Mediengeschäft. Alle auf Koks, während Timmerberg lange der einzige Kiffer war. Er bekam nach Engagements bei Käseblatt, dann Stern, dann Playboy später im Monat (!) von Franz Josef Wagner, damals Cheffe bei der Bunten 30.000 Mark: für Reportagen und Kurztexte über all das, was seit jeher in der Bunten steht, vor-recherchiert von vier Damen des Verlags und in einem großen Büro oder beim Italiener um die Ecke geschrieben. Dann will er aber los. Reisen macht er, andere Schreibengagements, zurück in die gutbezahlte Festanstellung und weiter wieder so lang, bis er ohne Geld irgendwo strandet.

Die alten Zeiten

Es ist die Biografie eines Suchers und Sinnverkünders, eines Indienheimkehrers, Deutschlandgenervten, Gitarrenspielstümpers. Timmerberg wie er Anfang der 70er in Ostwestfalen in eine Redaktion schluffte und sagte: Ich will Journalist werden (weil er in Indien eine Art Erleuchtung hatte). Und es dann wird. Wie er danach mit einem Zuhälter eine vegetarisches Restaurant gründet und mit einem Haufen Alt-Hippies in den Sand setzt. Das Buch eines schreibenden, dauerbekifften Profis, eines Weltreisenden, der später per Fax (ja, Kinder, das ist Email mit Papier) von Havanna aus einer Kneipe oder seinem Hotel heraus Peoples-Kram-Texte schrieb und an den freien Tagen „Sexreisender“ auf Kuba war.

Ein sympathisches Großmaul, Jünger des New-Journalism a la Hunter S. Thompson und Tom Wolfe. Auch ein Schwätzer – aber ein unterhaltsamer, stellenweise (lebens)kluger und weitgereister! Die Frauengeschichten im letzten Drittel ist mir zu viel „Küss mich Mund und Fick-mich Körper“. Die heißen Zeiten dürften Timmerberg auch beim Schreiben nochmals Spass geacht haben. Beim Lesen, geht so. Dann aber wieder so ein grandioser Absatz: Kuba, kurz nach dem Rauswurf bei der Bunten, eine Frauenzeitschrift wollte seine Ode auf den saufenden Mann nicht drucken: „So stemmt man sich nicht gegen den Bankrott. Aber vielleicht schreibt man so ein Buch. Ich hatte drei im Kopf, also keins. Ich ging auf meinen Balkon und trank Rum. Es stürmte noch immer, das Meer war aufgewühlt, Tatiana lackierte sich die Fußnägel.“ Das ist Kerouac.

Früher war mehr Lammetta

Dass es falsch geschriebene Namen gibt (Steven King) und weitere Ungenauigkeiten (z.B. singt nicht Jesus in Life of Brian am Ende „Always look on the bright side“…) ist für einen Journalisten, der so viel von sich hält, zumindest ein bisschen peinlich. Für den Verlag eh.

Wer sich also fragt, ob wirklich der Journalismus früher so viel besser war, der kann hier recherchieren: Mutiger war er vielleicht, verrückter, lustiger, besoffener und breiter, wohlhabender, lässiger auch, in der Provinz vollkommen unberührt von der Welt und der Wirtschaft, relevanter war er wohl auch. Aber besser? Keine Ahnung. Gute Leute gibts genug – die sind nur viel vernünftiger und langweiliger, eher Dienstleister oder Texter, nicht Autor. Die verkrachten Existenzen und saufenden Olivettitipper – die sind vermutlich Mythos, heute auf jeden Fall von Gestern. Außer Timmerberg. Ach ja, und die rote Olivetti war der Macintosh der 60er Jahre – aber steht heute eben im Museum.