Lisa Halliday: Asymmetrie

Roman Hanser, 315 Seiten, 2018

Empfehlung – man glaubt es kaum, aus dem Internet. Von einem Vielleser. Und ja, sehr eigenwilliges Buch. Als ich es dann bekam, hatte ich vergessen, worum es ging und begann zu lesen. Weltbekannter Schriftsteller, Ezra Blazer, und junge Verlagsangestellte Alice begegnen sich, er will sie, sie willigt ein, es wird eine geheime Affäre. Es geht in den Gesprächen und Gemeinsamkeiten um Ticks und Krankheiten, um spezielle Marmeladen oder Smoothies, natürlich um Bücher (aber eher selten), um bestimmte Hemden und Socken, Sex und Alkohol, Krankheiten, nötige Operationen und Baseball.

Das Leben der beiden findet in Blazers Apartment mit Blick auf den Central Park und die ganze Stadt oder einem großzügigen Haus auf dem Land statt, wohin er sich zum Schreiben im Sommer zurückzieht. Wenn er weg ist, scheint Alice verloren. Wenn er da ist, irgendwann unsicher, wohin das führt, und was sie davon hat. Er mag sie, sie mag ihn, zwei kluge Menschen sehr unterschiedlicher Generationen, Erfahrungen und an den beiden Enden der (beruflichen) Parabel.
Das ist witzig, klug, hellsichtig geschrieben, der Blick auf den Überfluss, der sich im Kleinklein bestimmter Qualitäten von Produkten zeigt, die Lust auf Texte und den großen Unterschied zwischen Leben und Text – vor allem den eigenen und das eigene. Beide sind sich des Klischees bewusst, dass sie da leben. Beide wissen, es hat keine Zukunft, aber na und? Was hat schon Zukunft, außer das Leben selbst?

Und dann endet die Beziehung, irgendwie, aber seltsam unentschieden. Vielleicht, weil sie weiter will, vielleicht, weil alles gesagt und getan ist.

Und es beginnt der zweite Teil des Buchs: Amar ist ein Iraker, der bis dahin im Buch keine Erwähnung fand. Er lebt in den gleichen USA wie Alice und Ezra und erlebt bei einem Flug nach London eine für Nicht-Golf-Araber übliche Schikane: stundenlang wird er festgehalten und befragt und erinnert sich so „zwischen den Welten“ im Transferbereich des Flughafens, an seine Kindheit und Jugend im Irak, seine Familie und sein Leben als Amerikaner mit arabischer Herkunft.

Das Vakuum in diesem Transitbereich der nicht mehr USA, nicht Großbritannien und sicher nicht Irak ist, entspricht dabei auch einem Gefühl des Mannes, dessen Leben (anders als bei den beiden Charakteren im ersten Teil) von wirklich existenziellen Geschehnissen beeinflusst wurde: Krieg, Tod, Verlust, Entwurzelung. Hier geht es nicht um die richtigen Salben, Smoothies und Sears-Hemden, nicht darum, bloß Wörter dem Leben abzutrotzen.

Auch dieser Teil des Romans besticht wieder durch beeindruckende sprachliche Klarheit und Präzision, durch Beschreibungen, die sich überhaupt nicht viel mit Erklärungen aufhalten. Es schwebt in jeder Zeile das Gefühl, wie unterschiedlich Zeitgenossenschaft und der Blick aufs Leben sein kann – je nachdem, wo man lebt und wo man herkommt. Ja selbst am selben Ort zur selben Zeit.

Der letzte Teil, ein langes Interview mit Ezra Blazer hab ich nicht ganz verstanden, es wirkte etwas angenäht an die beiden Erzählungen und gibt dem Gelesenen auch keinen anderen Spin mehr.

Es passiert nichts und ganz viel in diesem Buch. Es gibt keine Konflikte im engeren Sinn (die Plot-treu und Schreibschulen-haft umgesetz werden), aber es gibt Menschen, die fühlen und sich Gedanken machen. Alice, wo es hingehen könnte, die aber nicht weiter kommt, als bis zum nächsten Treffen mit ihrem Liebhaber („Unbekannter Teilnehmer“, zeigt ihr Display immer). Amar wo er herkommt, ohne dass er wüsste, wo es hingeht mit ihm. Und das passt einfach sehr gut zusammen – ganz entgegen des Titels.

Maschine für irgendwas

Es wurde einiges geraunt, weil die Autorin eine Affäre mit Philip Roth hatte und manche ihr Debüt natürlich als Schlüsselroman lesen wollten. Mir ist das erst auf der Hälfte der Strecke wieder eingefallen. Es erdet den Roman eher, als dass es einen Bunte-Boulevard Geschmack verbreitet. Und ob das nun alles so war, zwischen Philip und Lisa, spielt auch keine Rolle, denn so oder so ist es eine gute Geschichte, die einen nur etwas ratlos zurücklässt, weil die, die alles haben (können), Ezra und Alice, so seltsam leer scheinen, dabei aber hell und schnell im Kopf sind, witzig und bitter sein können – aber zugleich so beschränkt in ihren Möglichkeiten scheinen. Und der, der keinen guten Start hatte, der mehr verloren als gewonnen zu haben scheint, der sich seine Identität in der Fremde erarbeiten musste und seine Herkunft doch nie loswird (und daraus auch nicht schriftstellerisch Kapital schlagen kann), ist ebenso lost. Aber dafür viel mehr am Leben.