Kategorien
Gelesen Roman

Marion Poschmann: Die Kieferninseln

Suhrkamp, 165 Seiten

Und wieder Japan. Diesmal in Form einer allegorischen Reise mit imaginiertem Gefährten. Der Unidozent Gilbert (Forschungsschwerpunkt Bärte) stürzt aus eine Ehekrise direkt in eine berufliche Sinnkrise und von da nach Japan. Zunächst ist er dort der typisch staunende (aber nur mit dem Kopf, der Mann fühlt nicht viel) Westler, begibt er sich von Lektüre japanischer Dichter inspiriert bald auf eine legendäre Pilgerreise: Er will auf den Spuren des berühmten Dichters Basho zu den von ihm in Haikus verewigten Orten fahren. Sie bestehen, auch wieder typisch Japanisch, vor allem aus Bäumen und Steinen.

An einem Bahnhof verhindert er sehr unspektakulär den Suizid eines jungen Mannes. Der unterwirft sich fortan dem Willen des gescheiterten Unidozenten und reist mit ihm. Als eine Art japanisches Alter Ego in jung. Sexuell und beruflich gescheitert, eine Schande für die Eltern und die Welt, mit einem angeklebten Bart, will er an einem für Suizidfreaks heiligen Ort aus dem Leben scheiden: An berühmten Klippen oder in einem berühmten Selbstmord-Wald (ein YouTube Star erntete gerade einen Shitstorm, weil er in dem Wald eine Leiche entdeckte und sie filmte). Gilbert will dem jungen Mann jedoch zu einem ehrenvollen Ende verhelfen und ihn zugleich davon abbringen, bzw. wenn er ihn schon nicht davon abbringen kann, dann soll es wenigstens in angemessener Form geschehen.

Und so fahren sie mit Zügen durchs Land, essen japanisch, reden wenig, sind oft unbeholfen, befangen, genervt voneinander, aber irgendwie durch das Schicksal aneinander gekettet. Ziel sind nach einigen doch nicht geeigneten Suizid-Orten die Kieferninseln im Norden Japans – eine wild-schöne Bucht mit Felsen auf denen Kiefern sich an den Stein klammern – besungen in berühmten Gedichten.

Dort endet das Buch mit eine Verlust und einem Aufbruch. Ob es die Reise, den suizidgefährdeten Studenten Yosa tatsächlich gibt, spielt keine Rolle. Denn der im eigenen Leben verklemmte Gilbert sieht die Dinge nach seinen Zen, Haiku und Naturstudien wieder, wie sie sind und ist bereit, Entscheidungen zu treffen.

Eine gelassene, verständnisvolle Sprache und die dazu passende Figur, deren wohntemperierte Welt und der nüchterne Umgang mit Fremde und Alleinsein, den Roman, diesen eigenartigen Schienentrip durch Japan, tragen. Es gibt so gut wie keine Dialoge, ein paar Briefe dürfen auch mal „Ich“ sagen, obwohl es ja im ganzen Buch um ein gekränktes, gescheitertes Ich geht, das in der Betrachtung der Natur Sinn und Erlösung sucht. Und der in der formstrengen japanischen Kultur mit seinem No Theater, den dreizeiligen Haikus und geharkten Zen Gärten und hierarchischen Umgangsformen und gezähmten Naturverehrung eine größere Freiheit des Geistes findet, als in der westlichen Welt mit ihrer scheinbar freieren Kultur. Schönes Büchlein.