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Roman

Christian Kracht: Die Toten

Kiepenheuer & Witsch, 212 Seiten

Das schleimige Rangewanze in einem Interview, das Denis Scheck, den ich sonst in Sachen Leserei sehr gut finde, hätte mich fast vom Kauf abgehalten. Und dann steht noch auf dem Buchrücken dieser Hohlsatz von ihm, dass das Buch vom Preis handle, „um den das Neue in die Welt kommt“. Ach je. Trotzdem gekauft. Und dann über die ersten Seiten gestaunt, die Ausgestelltheit und Gespreiztheit der Sprache – bis Kracht es im weiteren selbst erklärt. Irgendwann ist man drin in dieser Geschichte vom schweizer Regisseur Naegli, einem japanischen, tja, Verräter und Sprachgenie und einer blonden Deutschen – dazu Chaplin, Rühmann und ein paar Figuren der deutschen Geschichte. Deutschland, Europa und Asien kurz vor dem Fall in den Krieg und die Filmwelt kurz vor Ton- und Farbfilm Revolution. Und der Tod und die Liebe dürfen auch nicht fehlen, obwohl es vordergründig um ein Horrorfilmprojekt in Japan geht. Aber auch um die Kunst überhaupt. Und das Leben. Und Sterben. Und das Kurzdavor.

Man kann diesen Kracht, der wie der Vorgänger Imperium wieder deutsche, bzw. europäische Vergangenheit und Imperialismus als Hintergrundrauschen der Geschichte erzählt, man kann dieses Buch auf mehrere Arten lesen: als Versteckspiel wie es der Adel im Mittelalter gern spielte: Dort betrachteten die Herrschaften Wandteppiche mit allerlei biblischen und mythologischen Motiven suchten die verborgenen, verwobenen Geschichten zu entschlüsselten. Oder man macht, was Cineasten tun, die nach dem Film erstmal die Referenzen und Vorbilder  des gerade gesehen Streifens runterrattern. Auch dazu liefert das Buch Stoff – ob aus Literatur oder Film. Und dann kann man das Buch (in Teilen) auch als Krachtsches Bekenntnis der eigenen Poetologie lesen. Es geht zwar um Film, aber mit Exkursen darüber, wie man etwas Neues schafft, wie man sich künstlerisch hinauswagt und auch die erwähnte manierte Sprache als Stilmittel, da geht es auch immer um das Buch, das man gerade liest.

Am Ende des Stummfilms und Anfang des Farbfilms – genau in der Bruchlinie der Kultur und als Zeichen für die Veränderung der Filmkunst, spielt das Buch. Das ein Indiz für die Veränderung der Kultur überhaupt, der Politik und der Welt kurz vorm Zweiten Weltkrieg. Und so springt die Geschichte vor und zurück und erzählt von Naeglis und Amakasus Leben und Aufwachsen und ihrer Begegnung dann in Japan wo sie auch Chaplin treffen. Mittendrin auch ein Zeitsprung zur Lagerhaft einer Nebenfigur und wie die in Kanada friert. Hmm. Und zurück nach Japan, wo das Drama um den Schweizer, den Japaner und die Blondine aus Deutschland, mit Unterstützung von Chaplin ihren Lauf nimmt – der – Achtung SPOILER – am Ende auf der Schiffsreise zum Mörder wird und die blonde Schönheit, optisch den Trends in Hollywood nur hinterherlaufend, sich als Putzfrau verdingt. Ende.

Wie schon in den vorherigen beiden Büchern, Imperium und Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, verlegt Kracht das Geschehen in die Vergangenheit. Irgendwie fühlt er sich da sicherer offenbar. Hier lassen sich Figuren auch besser kontrollieren, in einer abgeschlossenen Zeit, die allerdings über viele Synapsen mit unserer Gegenwart verbunden ist. Wer in der Gegenwart über die Gegenwart schreibt wirkt auf paradoxe Weise oft „überholter“ und unterliegt komischerweise viel mehr der Gefahr, dass der Leser und die Leserin die Figuren langweilig oder lahm findet.

Krachts Buch, Konstruktion pur, kann auch als No Theater 3 Akter gelesen werden – eine total artifizielle Kunstform des Adels in Japan. Es gibt wiederkehrenden Motive (die nicht nur auftauchen, sondern auch gleich erklärt werden) wie Sexus und Suizid, Peeping Tom und das Auge der Kamera, die Beobachtung der zweiten Ordnung. Selbstmord wie Sex als Kontakt mit dem Transzendentalen usw., Wahrnehmungstheorie und die Vermischung von Traum, Film und Wirklichkeit. So viel Metaebene war noch nie.

Streckenweise packend zu lesen, das artifizielle der Sprache zieht Kracht bis zum Ende durch, aber erzielt damit eher einen Verfremdungseffekt a la Brecht, als dass man – wie zum Beispiel bei Sebald – von dieser Sprache selbst verschlungen würde. Passt gut zu der Geschichte, als wenn heute einer absichtlich Schwarz-Weiß fotografiert.

Kann man in einem Rutsch durchlesen, lacht hier und da, staunt über die Verponnenheit und dabei spürbare Lebendigkeit die Kracht den späten 30er Jahren abgewinnen kann und wie lässig er Figuren der Zeitgeschichte glaubwürdig mitmischen lässt. Am Ende Tod und Vergessen – ob mit Farbfilm oder Ton. Und am Ende ein gut lesbares Buch, wenn auch die Lobeshymne von Denis Scheck einigermaßen übertrieben scheint. Aber man kennt sich, man mag sich und das ist ja auch okay so.