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Emma Cline: The Girls

Roman Hanser 346 Seiten

Ein Debüt, für das so mancher Autor weiß Gott wen umbringen würde. Um Mord übelster Art und jugendliche Irrungen und Fantasien geht es dann auch im Buch. Californien 1969, barbusige Hippimädchen, aber mit kalten Augen und einer Mission, die in einem Schlachtfest endet. Literarisiert finden wir hier die Geschichte der Manson Family erzählt, oder Teilen dieser düsteren Seite des Summer of Love. Großartig, sprachlich „crisp&fresh“ und so verdammt klug, dass man es mit der Angst bekommt.


Cline_25268_MR.inddWer schon mit 26 so schreiben kann, muss aufpassen, sich nicht auf bizarren Literaturwegen zu verirren mit den kommenden Büchern. Aber den Eindruck macht Emma Cline hier erstmal nicht. Sie schafft mit THE GIRLS in Perfektion, was ich an dem besten der US Literatur schon immer bewundert habe: Sprachliche Präzision und Schönheit, eine (wenn auch hier nicht zu sehr) herausfordernde Konstruktion und dazu eine packende Geschichte, Spannung (obwohl man weiß, wie es endet), Dialoge zum Austrinken und Figuren zum Anfassen, Umarmen oder Würgen. Ich habe außerdem noch in keinem Buch mehr über das Gefühl gelernt, ein junges Mädchen zu sein – oder sagen wir, eine Ahnung davon zu bekommen. Und das völlig unabhängig davon, dass das Buch an der Zeitenwende von 1969 (und ein Teil in unserer Gegenwart) spielt, wo es für Frauen ja angeblich leichter wurde, Rollenmuster endeten blabla. Mädchen oder Frau sein in einer „Man’s World“ (James Brown), ist heute in vielerlei Hinsicht nicht anders als damals, dafür brauchten wir keinen Lockerroom Talk. Und das sollte man als Vater einer Tochter im Kopf behalten.

Kommune des Untergangs
Der größte Teil des Buchs spielt in einigen Wochen des Sommers 69, in denen Evie, ganz Teenager und von den Eltern entfremdet durch Zufall in eine Hippie-Kommune gerät, in einen Lebensstil verliebt, der so weit weg ist von dem der Eltern, der Gesellschaft, dem „fuckin’ system“, wie man es sich als Pubertierender eben wünscht. Oder es sich jedenfalls manche Teenager wünschen. Die anderen wollen einfach nur jüngere Kopien ihrer Eltern sein. Auch ok.
Die Kommune ist allerdings ganz schon runtergekommen und wird regiert von einem Mann, besteht ansonsten aus jungen hübschen Frauen, alles Drifter, Ausreißer, herumirrende Mädchen, die tun, was man ihnen sagt. Also doch nur eine Kopie der Welt abgeben, der sie entfliehen wollten. Nur dass es sich für sie offenbar anders anfühlt.
WIE es sich anfühlt, akzeptiert zu werden, sich zu verlieben, der erste Sex, jemanden zu bewundern, die Macht der Gemeinschaft (die Gehirnwäsche inklusive), das alles erzählt das Buch in gelegentlich zum niederknieender Sprache. Sie ist voller Kraft und unverbrauchter Bilder, knackender Beschreibungen von Menschen und winziger Momente der Erkenntnis. Ein Wirbel aus Verliebtheit und Verlust, aus Verblendung und haltloser Suche nach Nähe und Bestätigung, die in Morden und Einsamkeit endet.

„‚The Girls‘ ist ein brillanter und zutiefst überwältigender Roman. Ein beeindruckendes Werk, nicht nur für eine Autorin ihres Alters, sondern für jeden Autor und jede Zeit.“ hat der verehrte Richard Ford über das Buch gesagt. Diese „Blurps“ auf den Buchrücken sind oft schlimmer als Bewertungen bei amazon. Aber hier stimmt es einfach. Und jedes Buch, das diese Empfehlung eines ganz Großen mehr verkauft, ist gut!

Und doch scheint das Buch irgendwie an der Kritik und den meisten Lesern vorbeigegangen zu sein. Zugunsten einer anderen Mädchengeschichte, „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante. Auch toll, aber ganz, ganz anders. Sehr europäisch, auch dunkel und voller Gewalt und schöner Sätze. Aber auch hier wieder scheint vor dem Hintergrund der USA alles „larger than life“, krasser, übler, existenzialistischer und drängender – die Sprache, die Geschichten, die Figuren. Unbedingte Leseempfehlung!