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Gelesen Roman

Richard Ford: Unabhängigkeitstag

Berlin Verlag, 589 Seiten

Das hier ist die Mitte der Bascombe Trilogie (vier Bücher sind es mit dem überraschenden Post-Scirptum: Let me be Frank with you). Sicher schon drei mal gelesen, aber das allererste mal war, als ich selbst in USA lebte und Richard Ford für Independence Day gerade den Pulizter Preis gewonnen hatte. Als Student mit 26 las es sich (bestimmt, kann mich kaum erinnern) ganz anders, als heute mit 45, wo ich ungefähr so alt bin, wie der Frank im Buch. Ob ich damals den Tiefgang, die Melancholie, das hilflose Suchen von Frank nach Nähe zu seinen Kindern, zu seiner Ex, seiner Freundin und zu sich selbst packen konnte? Sich einen Reim auf all das machen, was passiert ist und wohl noch kommt. Für solche Zugänge muss man wohl älter werden. Und dann ist das Buch im Büchersack, den ich beim Umzug zurück nach Europa packte und verschickte, verloren gegangen. Vielleicht auch ein Zeichen.


517v8ab0eel-_sy264_bo1204203200_ql40_Unabhängigkeitstag ist ein Buch über so etwas klischeebeladenes wie die „Poesie des Alltags“. Die USA jenseits von NY, Chicago und L.A. – hier New Jersey (wo auch Springsteen herkommt, der meines Wissen nie erwähnt wird in Fords Büchern, obwohl der Autor ein Hardcore Fan ist und gerade nach 30 Jahren die erste Buchrezension verfasst hat: Zur Autobiografie vom Boss).
New Jersey ist stellvertretend für „die Mitte“ des Landes, das so genannte „real America“ (was Quatsch ist, weil was wäre dann der Rest?) mit seinen mäandernden, immer gleich wirkenden Städten, den Malls und „historical attractions“ (die nie halten, was sie versprechen) und den Ruhmeshallen des Sports, den Kleinstädten und Klerikalen und Highways und hoch-kulturfernen Freuden american style.
Das Buch ist also Bericht, Rekapitulation aber auch Vater Sohn Geschichte. Seite um Seite das Gefühl, jeder Mensch ist sein Universum und jedes Leben seine eigene Rechtfertigung. Alles so voller Details, die uns letztlich dazu machen, wer wir waren, sind und sein werden.

Frank Bascombe ist für mich auch ein bisschen ein Vorbild geworden. Nicht unbedingt in seiner Unentschiedenheit so vielen Dingen und Menschen gegenüber. Auch nicht in seiner sehr amerikanischen Dauerfreundlichkeit (wir reden hier über das Land VOR Trumpism und Tea Party Idioten). Nicht in seiner Stoffeligkeit, seiner scheinbaren liberalen Art mit „netten“ rassistischen Klischees. Aber mit seinen kleinen Ausflüchten vor dem Druck und dem Müssen. Und Vorbild auch mit seiner Menschliebe und dem gleichzeitigem Wunsch nach Alleinsein. Und in seinen nie enden wollenden Versuchen, das Richtige zu tun und nach vorn zu blicken, sich mit der Vergangenheit zu arrangieren (was auch nicht immer gelingt). Frank hat einen sehr klaren, nie kalten Blick auf die Welt, aber es ist, als würde er zwischendurch selbst einen Moment innehalten und staunen, dass etwas dran sein könnte, an seinen Worten, die sich mühen das Leben, die Liebe, die Familie zu erzählen.

Wie in allen Bascombe Büchern spielen die 500 Seiten im Grunde an zwei bis drei Tagen rund um einen Feiertag, hier der Unabhängigkeitstag. Frank muss erst ein paar Immobiliendinge regeln (kriegt sie dann aber doch nicht geregelt), verliert dann seine Freundin (dann aber doch nicht) und geht mit seinem Sohn, von dem er nicht viel hält (dann aber doch) auf einen Wochenendtrip. Und davon erzählt er. Und über sein Land im Jahre 1988, mitten im Wahlkampf, aber einer irgendwie (trotz Reagan!) fast unschuldigen und geradezu heroischen wie klar umrissenen Zeit – aus heutiger Sicht, 9/11, drei Kriege, NSA, Tea Party, Trump und Obama später.

Es ist der Ton, der Richard Fords Bascombe-Bücher so eindringlich und einmalig macht: Eine Mischung aus scheinbar handlungslosem Beschreiben trister Stadtlandschaft, den einfachen Leuten mit ihren einfachen Vorstellungen (hinter denen aber immer ein „Mehr“ schimmert, etwas Komplexes oder Wahrhaftiges). Und dieser Ton, so ausufernd erzählend und ich-bezogen und dabei zweifelnd und gelegentlich verzweifelnd – an seinem Land und sich selbst. Getroffen von Momenten der Vergänglichkeit und dem Wunsch mehr zu lieben, mehr zu begreifen und mehr richtig machen zu können.

Unabhängigkeitstag ist für mich ein verwirrendes Spiel mit der Zeit. Dazu die sanfte Melancholie, die Frank umtreibt, der Versuch, Erkenntnisse aus all dem Erzählen zu gewinnen oder das Leben fest zu halten. Sicher eines der 10 Bücher für die berühmte Insel.